Im März dieses Jahres wurde von unserem BGM für Juni und Juli ein Pilotseminar zu „Charly BOS“ bei
der Feuerwehr Hamburg angeboten. Da noch Plätze frei waren, hatte ich die Möglichkeit, daran
teilzunehmen. Die Internetseite von Charly BOS verspricht: „Wir sind die Einsatzvorsorge – psychische Fitness für Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei.“
Ich war gespannt, was mich in den zwei Tagen erwarten würde.
Was ist „Charly BOS“ und wo kommt es her?
Wer bei der Feuerwehr oder Polizei arbeitet, erlebt immer wieder Situationen, die schwer zu verarbeiten sind. Um Einsatzkräfte dabei zu unterstützen, mit solchen Belastungen umzugehen, wurde die digitale Trainingsplattform „Charly BOS“ entwickelt.
Ursprünglich wurde CHARLY für Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr entwickelt, zunächst speziell für die Einsatzvorbereitung von Kampfmittelbeseitigungskräften. Anschließend wurde das Verfahren unter anderem im Zusammenhang mit Afghanistan-Einsätzen wissenschaftlich evaluiert. Dabei zeigten sich positive Effekte im Umgang mit Stress und traumatischen Belastungen.
Das Projekt „Charly BOS“ startete im Jahr 2017 und wurde gemeinsam mit Partnern wie der Berliner Feuerwehr, der ESG, Neuland Software und Scheimann & Team entwickelt. Dabei wurde das ursprüngliche Konzept gezielt für Feuerwehr und Polizei weiterentwickelt und an die besonderen Anforderungen sowie die realen Einsatzsituationen dieser Berufsgruppen angepasst.
Zwei Tage, die anders waren als erwartet
Das Seminar war anders als viele Schulungen, die ich bisher erlebt hatte. Nach einer kurzen, lockeren Vorstellungsrunde im „Stuhlkreis“ und einer Einführung in das Programm ging es an die einzelnen, abgeschirmten Laptop-Arbeitsplätze.
Dabei wurde schnell deutlich, dass es nicht um richtig oder falsch geht. Vielmehr sollte jeder die
Möglichkeit erhalten, sich in Ruhe und möglichst ungestört im eigenen Tempo mit sich selbst
auseinanderzusetzen.
Im Laufe des Seminars lernten wir anhand realitätsnaher Einsatzszenarien verschiedene Methoden
kennen, die uns dabei helfen, in stressigen Situationen wieder zur Ruhe zu kommen. Hierzu wurde zunächst gezielt eine Stresssituation erzeugt, in der wir anschließend eine zuvor erlernte Methode zur Beruhigung anwenden konnten. Mithilfe von Biofeedback konnten wir dabei unmittelbar beobachten, wie unser Körper auf Stress und anschließende Entspannung reagiert. Besonders interessant fand ich, dass es nicht die eine richtige Methode gibt.
Jeder konnte verschiedene Möglichkeiten ausprobieren und herausfinden, was für ihn persönlich funktioniert. Es gab keine klassischen Vorträge. Stattdessen hieß es: ausprobieren, erleben und selbst erfahren.
Genau das hat für mich den besonderen Charakter dieses Seminares ausgemacht.
Austausch, Vertrauen und persönliche Erfahrungen
Ein wichtiger Bestandteil von Charly BOS ist die Verbindung von digitalen Übungen und persönlichem
Austausch. Nach den Übungen am Computer wurden die dabei gemachten Erfahrungen gemeinsam
in der Gruppe besprochen und vom Mentor begleitet.
Natürlich funktioniert ein solcher Austausch nur, wenn man darauf vertrauen kann, dass persönliche
Gespräche und Erfahrungen auch im Raum bleiben. Mit einem gewissen Vertrauensvorschuss
gegenüber den Kolleginnen und Kollegen hat das aus meiner Sicht erstaunlich gut funktioniert – auch
wenn wir uns teilweise vorher noch nicht kannten.
An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die es mir leicht gemacht haben, mich auf sie
einzulassen – und die sich gleichzeitig auch auf mich eingelassen haben.

Die offenen und teils persönlichen Gespräche haben mir gezeigt, dass man mit bestimmten Erfahrungen und Belastungen nicht allein ist. Manchmal hilft schon die Erkenntnis, dass andere ähnliche Situationen erlebt haben und ähnliche Gedanken oder Gefühle kennen. Gerade dieser ehrliche Austausch hat mir gezeigt, wie wertvoll es sein kann, Erfahrungen miteinander zu teilen und sich gegenseitig zuzuhören. Oft braucht es dafür gar keine großen Ratschläge – manchmal reicht es schon zu wissen – Ich bin damit nicht allein.
Mein persönliches Fazit
Vor dem Seminar konnte ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass mir ein solches Training wirklich
etwas abverlangen würde. Das würde ich im Nachhinein nicht mehr behaupten. Die zwei Tage waren intensiv – teilweise deutlich intensiver, als ich erwartet hatte. Gerade der Austausch in der Gruppe hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Teilnehmenden im Vorfeld noch genauer darauf hinzuweisen, was sie in den einzelnen Abschnitten erwartet und mit welchen Situationen sie möglicherweise konfrontiert werden. Schließlich sollte jeder für sich selbst entscheiden können, worauf er sich einlassen möchte oder auch kann.
Charly BOS bietet hierfür auch unterschiedliche Varianten des Seminars an.
Trotzdem möchte ich diese Erfahrung nicht missen. Ich habe verschiedene Methoden kennengelernt,
die ich ausprobieren und künftig in meinen persönlichen Umgang mit Stress integrieren kann. Vor
allem aber habe ich erfahren, wie hilfreich und wertvoll es sein kann, sich mit Kolleginnen und Kollegen offen über persönliche Belastungen und Erfahrungen auszutauschen.
Da Feuerwehren in Berlin und Frankfurt bereits sehr positive Erfahrungen mit Charly BOS gesammelt haben, würde ich mir wünschen, dass auch die Feuerwehr Hamburg interessierten und aufgeschlossenen Kolleginnen und Kollegen künftig die Möglichkeit bietet, an diesem Seminar teilzunehmen.
Aus meiner Sicht sollte dabei auch der präventive und wirtschaftliche Aspekt berücksichtigt werden. Prävention kostet zunächst Zeit und Geld, kann langfristig jedoch dazu beitragen, deutlich höhere Kosten zu vermeiden. Wenn psychische Belastungen frühzeitig erkannt und geeignete Strategien zum Umgang damit vermittelt werden, kann dies dazu beitragen, dass Kolleginnen und Kollegen gar nicht erst längerfristig erkranken oder arbeitsunfähig werden. Denn neben den möglichen Kosten für ärztliche oder therapeutische Behandlungen entstehen für die Feuerwehr Hamburg auch Kosten durch Ausfallzeiten, Vertretungsregelungen und den damit verbundenen zusätzlichen organisatorischen Aufwand. Vor allem aber steht hinter diesen Zahlen immer ein Mensch, dem es möglicherweise über einen längeren Zeitraum psychisch nicht gut geht.

Charly Bos hat mir wieder vor Augen geführt, wie wichtig es ist, auf die eigene Seele und Psyche zu achten, ihnen Raum zu geben und darin innere Stärke zu finden.
Prävention ist deshalb für mich nicht nur eine Frage der Fürsorge gegenüber den Beschäftigten,
sondern auch eine sinnvolle Investition in die Zukunft der Feuerwehr Hamburg. Ein Angebot wie Charly
BOS kann dazu beitragen, die psychische Widerstandsfähigkeit der Kolleginnen und Kollegen zu stärken, Belastungen frühzeitig wahrzunehmen und langfristig gesundheitliche Folgen zu vermeiden.
Damit können im besten Fall nicht nur menschliches Leid, sondern auch vermeidbare Kosten und
Ausfallzeiten reduziert werden.
Ich bin daher ausdrücklich dafür, ein solches Angebot bei der Feuerwehr Hamburg zu etablieren und
den Kolleginnen und Kollegen dauerhaft zugänglich zu machen. Diese Einschätzung wird auch von der
Interessengemeinschaft Feuerwehr Hamburg geteilt und ausdrücklich befürwortet. Aus unserer Sicht stellt ein solches Präventionsangebot eine sinnvolle Investition in die Gesundheit, Einsatzfähigkeit und langfristige Leistungsfähigkeit unserer Kolleginnen und Kollegen dar.
Wenn man sich darauf einlässt, kann Charly BOS aus meiner Sicht ein wertvoller Baustein für den
eigenen Umgang mit psychischen Belastungen und Stress sein. Denn am Ende geht es nicht nur darum,
etwas über Stress zu lernen, sondern selbst zu erfahren:
Ich kann etwas tun, um besser mit Stress und seinen Folgen umzugehen.

